Lupus und Malariamedikamente

Lupus und Malariamedikamente

Der systemische Lupus erythematodes (SLE), oder kurz Lupus, gehört zu den gefährlichsten Autoimmunerkrankungen, wenn nicht sogar zur gefährlichsten. Obwohl er weltweit Millionen Menschen betrifft, gilt er gleichzeitig als eine der rätselhaftesten Krankheiten. Heute wollen wir versuchen, ihn besser zu verstehen und seine Geheimnisse zu entschlüsseln.

Das Wort „Lupus“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Wolf“, weil der typische Hautausschlag im Gesicht wie ein Wolfsbiss aussieht. Die Symptome der Krankheit, oder zumindest einige davon, wurden schon vor langer Zeit wissenschaftlich beschrieben, aber erst im 20. Jahrhundert erkannten wir, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt.

Die Krankheit tritt häufiger bei Frauen auf, insbesondere im Alter zwischen 16 und 45 Jahren. Sie ist bei Menschen asiatischer oder afrikanischer Herkunft stärker verbreitet. Bekannte Persönlichkeiten wie Selena Gomez, die aufgrund von Komplikationen eine Nierentransplantation benötigte, oder Michael Jackson wurden mit Lupus diagnostiziert.

Symptome des systemischen Lupus erythematodes

Kein Lupus-Patient zeigt exakt dieselben Symptome – die Krankheit äußert sich bei jedem anders. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Extreme Müdigkeit: Betroffene fühlen sich oft „wie tot“ vor Erschöpfung.
  • Gelenkschmerzen: Ähnlich wie bei Arthritis, besonders an Händen und Knien.
  • Hautausschlag: Der bekannteste ist der Schmetterlingsausschlag im Gesicht (auf Wangen und Nase), eine typische, aber nicht bei allen Patienten auftretende Erscheinung. Entzündungen und Ausschlag können so stark werden, dass sie an einen Wolfsbiss erinnern.
  • Leichtes Fieber: Kommt und geht ohne Infektion oder erkennbaren Grund.
  • Starker Kopfschmerz: Reagiert oft nicht auf Schmerzmittel.
  • Haarausfall: In Form von kahlen Stellen, ähnlich wie bei Alopecia, oft mit Entzündungen der Kopfhaut.
  • Organschäden: Zum Beispiel an den Nieren (Lupus-Nephritis), Entzündungen der Herz- oder Lungenmembranen.
  • Lichtempfindlichkeit: Sonnenlicht kann Krankheitsschübe auslösen.
  • Neurologische Probleme: Wie Krampfanfälle oder kognitive Beeinträchtigungen.
  • Blutgerinnung: Erhöhte Neigung zu Thrombosen und Arterienverkalkung.

Die Symptome treten in Schüben auf, die eine Zeit lang anhalten und dann wieder abklingen.

Wie entsteht Lupus?

Lupus ist eine Autoimmunerkrankung, unterscheidet sich aber von Krankheiten wie Psoriasis, rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose. Während bei diesen Krankheiten das Immunsystem ein bestimmtes Organ, Gewebe oder System angreift, ist der Angriff bei Lupus weitreichender.

Um Lupus zu verstehen, folgen wir einer abgestorbenen Zelle, die sich auf natürliche Weise zersetzt. Normalerweise binden sogenannte Komplementproteine an die DNA dieser Zelle, markieren sie als „Abfall“ und sorgen für ihre Entsorgung. Wenn diese Komplementproteine jedoch – etwa aus genetischen Gründen – fehlen oder in zu geringer Menge vorhanden sind, entsteht ein Problem. Die Zellkernbestandteile häufen sich an, und die angeborenen Immunzellen versuchen, sie wie fremde Stoffe zu beseitigen, indem sie sie „verschlucken“. Dabei entsteht die sogenannte Lupus-Erythrozyten-Zelle (LE-Zelle), eine Immunzelle, die sowohl ihren eigenen Zellkern als auch fremdes Kernmaterial enthält.

Das Entscheidende ist, dass diese Zellen der angeborenen Immunität (Innate Immunity) Rezeptoren namens TLR (Toll-like Receptors) besitzen. Diese Rezeptoren sind der Schlüssel zum Verständnis von Lupus.

TLR – Die Wächter des Immunsystems und ihre Rolle bei Lupus

Die TLR (Toll-like Receptors) sind so etwas wie die „Fühler“ des Immunsystems. Sie befinden sich auf Zellen der angeborenen Immunität wie Makrophagen und Neutrophilen, die wir von Geburt an haben. Ihre Aufgabe ist es, fremde Substanzen wie Bakterien oder Viren zu erkennen und Alarm zu schlagen, damit das Immunsystem angreift.

Es gibt zehn Arten von TLR beim Menschen, unterteilt in zwei Gruppen:

  • Oberflächen-TLR (wie TLR2 und TLR4): Diese erkennen äußere Bestandteile von Bakterien, etwa Flagellen.
  • Endosomale TLR (wie TLR3, TLR7, TLR9): Diese sitzen in speziellen Zellvesikeln und überwachen DNA oder RNA, um sicherzustellen, dass keine fremde DNA den Körper infiltriert (z. B. durch Viren).

Bei Lupus sind vor allem TLR7 und TLR9 problematisch. Sie erkennen körpereigene DNA oder RNA (aus abgestorbenen Zellen) als Bedrohung. Dies löst eine Überreaktion des Immunsystems aus, das Antikörper gegen diese Bestandteile (ANA – Antinukleäre Antikörper) produziert und entzündungsfördernde Proteine wie Interferon freisetzt.

Diese Antikörper greifen Zellbestandteile an, die nicht ordnungsgemäß entsorgt wurden, und bilden kleine Komplexe (Immunkomplexe). Diese lagern sich in Organen wie Haut, Gelenken oder Nieren ab und fördern dort weitere Entzündungen.

Diagnose: Ein kniffliges Puzzle

Die Diagnose von Lupus ist wie das Lösen eines Rätsels. Es gibt keinen einzelnen Test, der die Krankheit eindeutig bestätigt. Ärzte stützen sich auf Symptome, Bluttests (wie den ANA-Test) und die Krankengeschichte. Doch selbst der ANA-Test ist nicht immer zuverlässig, da auch gesunde Menschen leicht positive Ergebnisse haben können. Präzisere Tests und eine ganzheitliche Betrachtung sind nötig, um eine korrekte Diagnose und Therapie zu gewährleisten.

Behandlung von Lupus

Kommen wir zur Therapie: In akuten Schüben ist Kortison oft die erste Wahl, ergänzt durch Schmerzmittel, falls nötig. Vor und nach Schüben sowie langfristig ist Hydroxychloroquin (HCQ), bekannt unter dem Handelsnamen Plaquenil, das zentrale Medikament für Lupus-Patienten.

Wenn Entzündungen in bestimmten Organen zunehmen, können niedrige Dosen Kortison oder Immunsuppressiva wie Azathioprin oder Methotrexat eingesetzt werden, ergänzt durch organbezogene Behandlungen. In schweren Fällen, wie bei Lupus-Nephritis, kommen stärkere Medikamente wie Mycophenolat oder Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus zum Einsatz. In besonders schweren Fällen können Biologika wie Rituximab oder andere Antikörper, die die B-Zellen-Aktivierung hemmen, verwendet werden.

Vorbeugung ist essenziell: Sonnenlicht meiden, da es Schübe auslösen kann, ebenso wie Rauchen oder bestimmte Medikamente (z. B. Methyldopa, Hydralazin, Chinidin). Doch die zentrale Frage ist: Warum ist HCQ so wichtig, und wie wirkt es, obwohl es ursprünglich ein Malariamedikament ist?

Die Geschichte von Hydroxychloroquin

Hydroxychloroquin (HCQ) hat seine Wurzeln in Chinin, einer Substanz aus der Rinde des Cinchona-Baums in Südamerika. Schon vor Jahrhunderten wurde Chinin dort gegen Malaria eingesetzt. Als Europäer Südamerika kolonisierten, wurde der Baum zu einem strategischen Mittel gegen die tödliche Malaria in tropischen Regionen. Besonders die Niederlande bauten ihn großflächig in Indonesien an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg löste HCQ Chinin als Hauptmedikament zur Behandlung und Vorbeugung von Malaria weitgehend ab und behielt diese Rolle bis heute. Durch seinen breiten Einsatz wurden auch seine anderen Wirkungen entdeckt, etwa die entzündungshemmende Wirkung bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma oder Lupus. Bemerkenswert ist, dass HCQ das Immunsystem nicht stark schwächt, auch wenn es natürlich Nebenwirkungen hat.

Wie wirkt Hydroxychloroquin?

HCQ ist eine schwache organische Base. Durch seine geringe Größe dringt es leicht in Zellen ein und reichert sich in Zellvesikeln wie Endosomen und Lysosomen an. Bei Lupus gelangt HCQ in Immunzellen wie Makrophagen und sammelt sich in den Endosomen, wo die TLR (Toll-like Receptors) sitzen – die Auslöser der Lupus-Problematik.

Die Anreicherung von HCQ in Endosomen verändert den pH-Wert von sauer zu basisch und stört die Funktion der TLR, sodass sie nicht mehr an DNA oder RNA binden können – wie ein Schalldämpfer auf einer Alarmsirene. Dadurch wird die Entzündungsreaktion gedämpft, die Produktion von Interferon und Zytokinen reduziert und Lupus-Schübe werden abgeschwächt. Außerdem hemmt HCQ in B-Zellen die Produktion von ANA-Antikörpern, indem es die TLR-Aktivität in deren Vesikeln verringert.

Die Rolle von HCQ bei Lupus

HCQ ist der Grundpfeiler der Lupus-Therapie, besonders bei milden bis mittelschweren Fällen. Es steht auf der Liste der essenziellen Medikamente der WHO und hilft bei:

  • Haut und Gelenken: Reduziert Ausschlag und Gelenkschmerzen.
  • Schüben: Mildert ihre Intensität und Häufigkeit.
  • Organschäden: Kann Schäden an Organen wie den Nieren verzögern.
  • Schwangerschaft: Ist sicher für schwangere Frauen, was wichtig ist, da Lupus oft Frauen im gebärfähigen Alter betrifft.

Die übliche Dosis liegt bei 200–400 mg täglich, abhängig vom Körpergewicht. Geduld ist jedoch nötig, da die Wirkung Wochen oder Monate dauern kann.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen von HCQ

HCQ ist meist sicher, hat aber Nebenwirkungen:

  • Magenprobleme: Übelkeit oder Durchfall – Einnahme mit Essen hilft.
  • Augenschäden: Langzeiteinnahme (über Jahre) kann die Netzhaut schädigen. Regelmäßige Augenuntersuchungen (alle 6–12 Monate) sind notwendig.
  • Herzprobleme: HCQ kann das QT-Intervall verlängern und Herzrhythmusstörungen verursachen, besonders in Kombination mit Medikamenten wie Quinolonen, Quetiapin oder Makroliden.

Fazit

Lupus ist eine komplexe Krankheit, doch wenn wir ihre Ursachen und die Rolle der TLR verstehen, können wir besser damit umgehen. Die Symptome variieren stark von Person zu Person, und kein Fall gleicht dem anderen. Medikamente helfen, die Krankheit zu stabilisieren oder zumindest eine Verschlimmerung zu verhindern. Wichtig ist, dass Betroffene ihre Krankheit verstehen, ohne unrealistische Hoffnungen auf vollständige Heilung oder Verzweiflung. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die je nach Schweregrad, betroffenen Organen und Krankheitsverlauf angepasst werden können. Mit dem richtigen Wissen und der richtigen Therapie lässt sich Lupus gut managen.